Liebe, Triebe und Vergnügen, aber Hauptsache das Gsangbuch stimmt

Liebespaare, Affären und heimliche Liebschaften gab und gibt es zu jeder Zeit. Das war auch in Jockgrim nicht anders. Die jungen Leute kannten sich aus dem Dorf, lernten sich in der „Ziechelei“ kennen oder auf den Dorffesten und in den Tanzsälen der Gegend, zum Beispiel im “Karpfen“ in Neupotz oder in Jockgrim in der „Einigkeit“, beim „Schwanenwirt“ im Hinterstädtel, oder beim „Fuhr“. Alle vier Wochen war in der „Turnhall“ und der „Pfalz“ Tanz. Anlässe gab es genug: das Erntedankfest, die Kerwe, der Pfingstsonntag, Fasnacht und Silvester.

Die Tanzveranstaltungen waren ein regelrechter „Heiratsmarkt“. Die Mädchen und Buben saßen sich in Reihen gegenüber und wenn die Kapelle aufspielte, dann wurde aufgefordert und ausgelassen getanzt, bis die Schuhe durch waren. Einen „Korb“ hat man nicht vergeben, sonst wäre man nicht mehr aufgefordert worden. Danach ging es dann „strümpfig“ nach Hause. Die Kleider waren aus Vorhangstoff und alten Leintüchern genäht. Wer es sich leisten konnte fuhr mit dem Zug nach Karlsruhe und kaufte dort Stoff ein, um sich einen Glockenrock oder ein Taftkleid selbst zu nähen. Wenn sich ein junger Mann ein Mädel herausgesucht hatte, dann hat er sie zum Ball eingeladen. Mit einem Blumenstrauß wurde sie abgeholt und zum Ball geführt.

Die Frauen des Dorfes beobachteten sehr genau, wer mit wem was hatte und es wurde heftig getuschelt: „Do guck e mol. Der hot doch letzte Woch noch die Clothilde g'habt und jetzt geht der schun widder mit ennere annere.“ Wenn es aber ernst wurde, dann wurde in der Nacht zum ersten Mai im Wald eine Birke geschlagen und geschmückt und dem Mädle ein Maibaum gestellt. Einige junge Männer habe es sich einfach gemacht und über Nacht den Maibaum von einem anderen Haus geholt und der eigenen Liebsten vor's Haus gestellt.

Wer mit wem „gegangen ist“, war Dorfgespräch. Es gab ja auch sonst noch keine großen Möglichkeiten, Neues zu erfahren. Der Dorftratsch ersetzte vielfach Zeitung und Klatschpresse. Hat zum Beispiel ein Mädchen einen jungen Mann gern gesehen, so kam es auch vor, dass sie ihn auf dem Weg nach Hause abends abgepasst und mit ihm angebändelt hat, was auch schon mal zur Auflösung einer bereits geschlossenen Verlobung geführt hat.

In Jockgrim war auch immer mal wieder Tanzmusik in der „Turnhall“. Das war eine willkommene Abwechslung für die jungen Leute im Dorf. Besonders begehrt waren die schneidigen, gut angezogenen Männer, die mit einem Auto daher kamen. Da spielte es keine Rolle, wenn der Mann zuvor noch mit einer Anderen im Theater war. Auch damals galt schon das Sprichwort: „Einen schönen Mann hat man nicht allein.“

Führte ein junger Mann ein Mädchen nach dem Tanz nach Hause, in ausgelassener Stimmung und voller Gefühle füreinander, dann lag es Nahe, dass der erste Kuss hinter dem Hoftor nicht lange auf sich warten ließ. Aber nicht jede war so leicht zu haben. Manche Mädchen haben sich darüber empört und gesagt: „Stell dir vor, geschtern Owend hot mich enner häm g'fahre und der wollt mich gleich küsse.“ Meist gab es dann aber später den ersten Kuss und auch manche Hochzeit.

Die Eltern hatten dabei auch ein Wörtchen mit zu reden. So nach und nach wurde der junge Mann in die Familie „eingeführt“, zum Kaffee eingeladen und hat dabei ein Sträußchen für die Mutter mitgebracht. Oftmals gab es handfeste Gründe dafür schon früh Kontakt zu den Familien aufzunehmen, weil sich Nachwuchs angekündigt hat. Es gab noch keine Verhütungsmittel und mit der Aufklärung in Schule und Elternhaus war es auch nicht weit her. Viele junge Paare haben „heiraten müssen“ und in Jockgrim ist dann wie immer „gered worre“.

Manche sind weiter herum gekommen und haben ihre große Liebe zum Beispiel in einem anderen Ort gefunden. So erging es einem jungen Mann, der sich in eine hübsche junge Pfälzerin verliebt hatte. Leider konnte er die Liebe seines Herzens nicht mit nach Hause nehmen. Die Eltern wären „die glatte Wand nuff. Die hät er nit heirate dürfe, weil des Gsangbuch nit gestimmt hot“.Ob katholisch oder evangelisch spielt heute bei der Partnerwahl keine wichtige Rolle mehr. Das war seinerzeit jedoch noch ganz anders. War der Geliebte evangelisch, so traf man sich heimlich, vereinbarte ein Zeichen und ging auch schon mal den Stückelweg hinunter, um im Gras zu liegen und zu „knutschen“.

Und manchmal hat beim Stelldichein eine aus alten Hemdstücken zusammen geflickte Unterhose die Ehre manches Mädchens gerettet. Im Theaterstück „Käpplerin un Kalkmännel“ erzählt Mimi: „Bloß deshalb ist nix weiter passiert. Er hat mich dann einfach sitzen lassen, im Grünen. Hat sich aufs Rad gesetzt und weg war er, der Schuft. Das war keine Liebe“.

PR-Gruppe - Theaterprojekt 750 Jahre Jockgrim