Dr. Ludowicis Nationalstein und Persilschein

Schon 1923 trat Dr. Johann Wilhelm Ludowici der NSDAP bei. 1929, nach dem Tod seines Vaters Wilhelm, übernahm er die Leitung der Firma. Aufgrund der Wirtschaftslage, aber auch aus politischem Kalkül gab es Ende der Zwanziger, Anfang der Dreißiger Jahre Massenentlassungen. Gleichzeitig wurde jedoch das Werk 6 gebaut. 1931/1932 war die Fabrik monatelang geschlossen.

Die prekäre wirtschaftliche Situation, die Abhängigkeit von der Ziegelei und nicht zuletzt auch der Einfluss des Fabrikanten selbst dürften dazu geführt haben, dass bei den Wahlen im März 1932 fast 50 % der Jockgrimer NSDAP wählten (zum Vergleich: Hatzenbühl 24,5 %). Nach der Machtübernahme wurde der alte Bürgermeister gewaltsam aus dem Amt gedrängt, der Gemeinderat „gesäubert“ und die Vereine gleichgeschaltet.

„Die Handwerksinnungen und die Deutsche Arbeitsfront ziehen an einem Strang. Unsere hiesige Volksbücherei ist eine freundliche Bücherei der Zukunft, in der zersetzende und volksfremde Autoren keinen Platz mehr haben. Und wenn mich mein Gefühl nicht täuscht, werden auch bald die konfessionellen Schulen der Vergangenheit angehören und einer neuen, fortschrittlichen, deutschen Einheitsschule Platz machen.“ (Dr. Ludowici in „Käpplerin un Kalkmännel“)

Seit 1933 leitete Johann Wilhelm Ludowici das Reichsheimstättenamt der Deutschen Arbeiterfront. 1934 berief ihn Hitler zum Reichskommissar für das Siedlungswesen. 1935 brachte der Unternehmer den Nationalstein oder –ziegel auf den Markt. Durch seine Beziehungen erhielt er den Auftrag für die Eindeckung des Olympischen Dorfs in Berlin 1936. Bis 1939 steigt die Zahl der Beschäftigten auf 1100 Mitarbeiter.

Dr. Ludowici fühlte sich als Siedlungsbeauftragter im „Haifischbecken“ Berlin nicht wohl. Er propagierte in seiner Funktion sein Modell der ländlichen, landwirtschaftlich-bäuerlichen Arbeitersiedlung, wie er es in Jockgrim entwickelt hat, für das ganze Reich. Letztlich ging es ihm um die „Schollenbindung“ des Arbeiters durch eigenen Haus- und Grundbesitz und um die Ansiedlung von Industrie auf dem Land. Damit war er offenbar in Gegensatz zu anderen Nationalsozialisten geraten, die urbane Siedlungen und den sozialen Wohnungsbau in der Stadt als Speerspitze des Fortschritts betrachteten. Wohl nicht zuletzt deshalb – und nicht weil er sich grundsätzlich gegen die Partei stellte, wie er später nach Kriegsende anführte – legte er 1937 sein Amt nieder.

Im Frühjahr 1943 fand eine Sitzung von Gauleitern in der Villa von Ludowici statt. Dort wurde beschlossen, dass unliebsame Jugendliche zur Waffen-SS zwangsverpflichtet werden. Das betraf 180 katholische Jugendliche in der Pfalz. Geschäftlich engagierte sich Dr. Ludowici auch noch 1943 - nach Stalingrad - im Osten des Reichs. So sollte z.B. bei Danzig eine stillgelegte Ziegelei den Betrieb wieder aufnehmen, um in den letzten Monaten des Krieges den Nationalstein zu produzieren.

Eine Kuriosität des „Tüftlers“ Ludowici: Er entwickelte u.a. ein eisenfreies Behelfswohnhaus, das in den ausgehenden Kriegsjahren, als die hochwertigen Rohstoffe in die Rüstungsindustrie gelenkt wurden und die Bombardements den bestehenden Wohnraum verknappten, offenbar das richtige Produkt zur richtigen Zeit war, mit dem sich Geschäfte machen ließ. Im Spätsommer 1944 hat er offenbar mit großer Unterstützung und im Auftrag von Gauleiter Bürckel an diesem Projekt gearbeitet. Die bislang bekannten Dokumente weisen darauf hin, dass Ludowicis Glaube an das NS-Regime und den angeblichen Endsieg ungebrochen war.

Als der Krieg zu Ende war, tauchte Johann Wilhelm Ludowici erst einmal unter, um einer Strafverfolgung zu entgehen. Angeblich flüchtete er nach Heidelberg, wo er von einflussreichen Leuten protegiert wurde. Erst ca. ein Jahr nach Kriegsende kam er zurück.
Ursprünglich sollte Ludowici in einem Entnazifizierungsverfahren zu einer hohen Geldstrafe verurteilt werden, doch wurde er im Revisionsverfahren als Mitläufer eingestuft. Er erhielt seinen „Persilschein“ und baute sein Werk wieder erfolgreich auf.

Im Stück „Käpplerin un Kalkmännel“ wird man über Dr. Ludowici sagen: „De Adenauer hot de Herr Doktor sogar nach Bonn hole wolle, fer de Wiederaufbau. Awwer er hot bloß gesacht: ‚Nee, äämol reicht!’“